Wer über viele Monate lernt, braucht auch Zeit, um sich zu erholen. Die Sommerferien bieten Kindern und Jugendlichen eine gute Möglichkeit, Abstand vom Schulalltag zu gewinnen und schulbezogene Themen des vergangenen Schuljahres hinter sich zu lassen. Doch es reicht nicht aus, einfach nur nichts zu tun. Erholung ist ein aktiver Prozess. Dafür sind weder Fernreisen noch ein aufwändig durchgeplantes Ferienprogramm notwendig. Ein Tag im Freibad, gemeinsames Kochen, ein Ausflug in die Natur oder bloß ein Nachmittag ohne Termine können genauso erholsam sein.
Die Erholungsforschung beschreibt sechs Bedingungen, die nachhaltige Erholung besonders fördern.¹ Sie helfen dabei, neue Energie zu tanken und nach den Ferien motiviert und konzentriert in das neue Schuljahr zu starten.
Abstand gewinnen
Erholung beginnt dort, wo der Schulalltag endet. Auch nach der Zeugnisvergabe kreisen die Gedanken häufig noch um Hausaufgaben, Prüfungen oder das kommende Schuljahr. Es braucht vor allem Zeit, bis dieser innere Leistungsmodus nachlässt.
Entspannen dürfen
Kinder und Jugendliche brauchen Phasen ohne Erwartungen und Leistungsdruck. In den Ferien soll es darum gehen, Kraft zu tanken, ohne bewertet zu werden. Gerade in den ersten Ferientagen ist es völlig normal, wenn sie zunächst müde sind oder mehr Ruhe brauchen. Ausreichend Schlaf, Zeit in der Natur, ruhige Momente oder leichte Bewegung helfen dem Körper außerdem, neue Energie zu gewinnen. Diese Erholungsphasen helfen dabei, Aufmerksamkeit, Konzentration und Selbstregulation wieder aufzubauen.
Autonomie
Während des Schuljahres ist der Tagesablauf meist klar strukturiert. In den Ferien erleben Kinder und Jugendliche dagegen mehr Entscheidungsfreiheit. Sie können häufiger selbst entscheiden, womit sie ihre Zeit verbringen möchten, oder eben auch einmal bewusst nichts tun. Diese Selbstbestimmung stärkt das Gefühl von Autonomie und trägt positiv zu Motivation und psychischem Wohlbefinden bei.
Die eigene Zeit gestalten
Neben der Freiheit, selbst zu entscheiden, ist auch der Umgang mit der eigenen Zeit bedeutsam. Nicht jeder Ferientag muss vollständig geplant sein. Freie Zeit ermöglicht es, den eigenen Rhythmus zu finden und Interessen zu verfolgen. Eine lockere Tagesstruktur mit einzelnen Orientierungspunkten wie etwa gemeinsame Mahlzeiten bietet dabei Halt, ohne die notwendige Freiheit einzuschränken.
Neues erleben
Ferien schaffen einen idealen Rahmen, um Neues auszuprobieren. Wenn der Schulalltag langsam in den Hintergrund rückt, findet sich mehr Zeit für Hobbys, kreative Ideen oder Unternehmungen, die während des Schuljahres oft zu kurz kommen. Aber auch Langeweile darf dazugehören. Sie wird häufig als etwas Negatives angesehen, kann aber Kreativität fördern und dazu anregen, selbst Ideen zu entwickeln und eigene Interessen zu entdecken und auszuprobieren.
Gemeinschaft erleben
Zeit mit Familie und Freunden gehört für viele Kinder und Jugendliche zu den wertvollsten Erfahrungen der Ferien. Gemeinsames Spielen, Gespräche oder Ausflüge stärken soziale Beziehungen und vermitteln Sicherheit sowie Zugehörigkeit. Solche positiven sozialen Erfahrungen können über die Ferien hinaus wirken und im Schulalltag einen wichtigen Resilienzfaktor darstellen, insbesondere in belastenden Situationen.
Qualität ist wichtiger als Dauer oder Ort
Ob die Ferien zu Hause oder auf Reisen verbracht werden, ist für die Erholung meist weniger entscheidend als die Frage, wie die freie Zeit gestaltet wird. Kinder und Jugendliche profitieren von einer guten Balance zwischen Ruhe, Bewegung, gemeinsamen Erlebnissen und Zeit, die sie selbst gestalten können. Nicht jede Minute muss verplant sein. Freiräume fördern Selbstständigkeit und Kreativität und helfen, die eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen. Es geht also nicht darum, möglichst viel zu erleben, sondern ausreichend Raum für Erholung, Selbstbestimmung und soziale Beziehungen zu schaffen.
Sommerferien sind deshalb keine verlorene Lernzeit, sondern ein wichtiger Bestandteil erfolgreichen Lernens. Nach einem intensiven Schuljahr brauchen Kinder und Jugendliche Zeit, um Erlebtes zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. Erholung unterstützt nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch Aufmerksamkeit, Konzentration und Aufnahmefähigkeit. Ferien unterbrechen das Lernen daher nicht, sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Lernen langfristig überhaupt gelingen kann.
¹ Newman, D. B., Tay, L., & Diener, E. (2014). Leisure and subjective well-being: A model of psychological mechanisms as mediating factors. Journal of Happiness Studies, 15(3), 555–578. https://doi.org/10.1007/s10902-013-9435-x